Ich habe mir vorgenommen, an jedem Samstag einen Artikel zu schreiben. Dieser Artikel wird dann aber am 24 Dezember veröffentlicht. Heilig Abend. Weihnachten steht vor der Tür. Und für die christlich geprägte Welt ist das ein wichtiger Feiertag. Soll ich da einen normalen Blogartikel schreiben? Viel besser wäre eine Weihnachtsgeschichte. Die meisten sind doch schon bekannt und Wiederholungen bringen nicht viel.
Doch was würde zu Weihnachten passen? Wenn es wenigstens schneien würde. Dann könnte ich Ihnen die Geschichte eines Schneemanns erzählen. Dazu hätte ich sogar ein Video gemacht.
Ein Wunder vielleicht? Mit 13 Jahren habe ich etwas erlebt, was einem Wunder sehr nahe kommt. Auch wenn ich viele Jahre danach über dieses Ereignis nachdenke, bleibt immer noch ein Rest Zweifel übrig, warum eine so kritische Situation im meinem Leben so glimpflich ausgegangen ist. Hier ist meine Geschichte:
In den ersten Schuljahren gab es 2 Schulkameraden, denen es nicht gefallen hatte, daß mir das Lernen leicht fiel. Sie dachten, ich würde mich bei den Lehrern einschmeicheln. Aus diesem Grund haben sie in den Pausen immer wieder versucht, mich zu qüalen. Als ich in die 3. Klasse kam, gab es einen neuen Schüler, der sitzen geblieben war. Dieser neue Schüler entwickelte sich in die gleiche Richtung, wie meine beiden Quälgeister. Als ich in die Realschule kam, mußte ausgerechnet dieser Schüler in meine Klasse kommen. Da ich nicht nochmal dasselbe erleben wollte wie in der Grundschule, habe ich noch auf dem Schulhof Freundschaft mit ihm geschlossen.
Das war einer meiner größten Fehler. Er hat mir das Klauen beigebracht. Er nannte es „Englisch einkaufen“. Und in meiner kindlichen Naivität klang das nicht mehr so schlimm. Im Laufe der Zeit gab es zwar Streitigkeiten zwischen uns beiden, aber es kam erst nach 3 Jahren zu einem Bruch. Kurz zuvor wurde ich beim Klauen erwischt und der Polizei gemeldet. Die Polizei erzählte meinen Eltern, daß es vielleicht nötig wäre, daß ich in ein Heim komme.
Ein paar Wochen später kam dann ein besonderer Tag. Mein Freund wollte von Zuhause abhauen. Er hatte schon häufiger davon gesprochen. Ich wollte es eigentlich nicht. Aber ich konnte mich gegen ihn nicht durchsetzen. Also sind wir abgehauen. Ich habe noch mein Sparschwein geplündert und wir haben unser gemeinsames Haustier, ein Kaninchen, mitgenommen.
Ich wohne in Leichlingen, genau wie damals. Das liegt ungefähr in der Mitte zwischen Köln und Wuppertal, am äußersten Ende des Bergischen Landes. Unsere Flucht führte uns nach Düsseldorf. Wir fuhren dabei mit dem Bus. Als wir in den Stadtteil Neuss hineinkamen, war auf der rechten Seite ein großer Brunnen. Da haben wir erst mal gespielt. Dann haben wir seine Oma besucht, die in Düsseldorf, Stadtteil Neuss, wohnte. Aber wir haben uns vorgenommen, zu dem Brunnen müssen wir wieder zurückgehen. Und am Abend, während des Feierabendverkehrs waren wir wieder am Brunnen und spielten.
Es war eine ganz gerade lange Straße und die Autos kamen nur sehr langsam voran. Ich weiß nicht wieso. Plötzlich bin ich aufgestanden und stellte mich an die Straße und schaute auf die Autos, die mir entgegenkamen. Ich habe dort bestimmt länger als 1 Minute gestanden. Dann merkte ich plötzlich, daß mein Blick, auf der Ecke eines Autos ruhte. Es war das Auto meiner Eltern. Als ich das erkannte, haben wir uns schnell hinter dem Brunnen versteckt. Aber durch diese schnelle Bewegung sind meine Eltern auf mich aufmerksam geworden und die Flucht war vorbei.
Was war geschehen? Ein Wunder?
Wie sah der Tag aus der Sicht meiner Eltern aus?
Morgens ging ich wie immer zur Schule, kam aber nochmal zurück, weil ich mein Englischbuch vergessen hatte. Meine Mutter wurde erst mißtrauisch, als ein Klassenkamerad vorbei kam, mit dem ich sehr häufig gemeinsam Schulaufgaben gemacht hatte. Da erfuhr sie, daß ich den ganzen Tag nicht in der Schule war. Meine Eltern haben sich überlegt, ob sie die Polizei verständigen sollten, aber sie befürchteten, daß ich dann in ein Heim kommen könnte. Das wollten sie nicht riskieren, also haben sie sich auf die Suche nach mir gemacht. Zuerst fuhren sie zu den Eltern meines Freundes. Ich glaube, es war nur die Mutter da, aber ich bin mir nach all den Jahren nicht mehr so ganz sicher. Aber ich weiß, daß meine Eltern etwas bestürzt darüber waren, wie wenig Sorgen sie sich gemacht hatte. Sie erfuhren nur: „Vielleicht haben Sie ja die Oma in Düsseldorf besucht.“
Also sind meine Eltern direkt nach Düsseldorf gefahren. Und mein Vater hat sich auch noch verfahren. Er ist zuerst zur falschen Adresse gefahren. Aus diesem Grund ist er über einen anderen Weg nach Neuss gefahren. Kaum kommen sie in die Stadt hinein, sehen sie uns beide am Brunnen.
Wie haben mich meine Eltern finden können? Ein Wunder?
Ich bin katholisch erzogen worden. Aber ich glaube nicht, daß es einen Gott geben kann. Ich brauche dafür eine andere Erklärung. Wie wärs, wenn man sich das ganze mal psychologisch betrachtet?
Ich wollte ja nie abhauen. Mein Instinkt wollte das auch nicht. Also hat mich mein Instinkt auf einen auffälligen Ort aufmerksam gemacht. Ich hatte die Idee, am Brunnen zu spielen. Dieser Stadtteil hat als Grenze den Rhein. Es ist der erste auffällige Platz unmittelbar hinter der Brücke. Doch warum sollte sich mein Instinkt gerade diesen Ort aussuchen, um gerade am Abend dort zu spielen?
Ich kenne meine Eltern. Ich hatte mein ganzes Leben mit ihnen verbracht. Also kennt mein Instinkt sie auch. Er wußte, daß sie sich Sorgen machen und hatte deshalb wahrscheinlich damit gerechnet, daß sie mich suchen würden. Er konnte nur nicht damit rechnen, daß sie nicht den Weg des Busses nehmen würden. Im Normalfall.
Mein Vater hatte das Auto schon seit einigen Jahren. Mein Instinkt kannte auch das Geräusch des Autos. Könnte es sein, daß mein Instinkt unter den vielen Autos das Motorengeräusch des Wagens meiner Eltern wiedererkannt hat? Daß ich mich gerade deshalb wie auf dem Präsentierteller an die Straße gestellt habe, damit ich gesehen werde?
Trotzdem bin ich meiner Mutter erst in dem Moment aufgefallen, als ich mich plötzlich bewegt habe, um mich hinter dem Brunnen zu verstecken.
Aus meinem Blickwinkel betrachtet, hätte mein Instinkt nichts besser machen können, um gefunden zu werden.
Trotzdem wäre ich nicht gefunden worden, wenn sich mein Vater nicht verfahren hätte. Hat er sich vielleicht deshalb verfahren, weil er von seinem Instinkt geleitet wurde? Auch meine Eltern kennen mich. Sie haben sich vielleicht gar nicht vorstellen können, daß ich wirklich abhauen will. Denn ich hatte immer ein gutes Elternhaus. Er hat sich so verfahren, daß er auf dem gleichen Weg in den Stadtteil Neuss gefahren ist, wie die öffentlichen Verkehrsmittel.
Was habe ich daraus gelernt?
Dieses Erlebnis führte zum entgültigen Bruch der Freundschaft. Ich hatte erkannt, daß dies ein falscher Freund war. Das ganze fand im April oder Mai statt. Ich war sogar ganz froh, daß ich wegen 4 fünfen im Zeugnis von der Realschule runtergeflogen bin. Dadurch gab es auch eine räumliche Trennung zwischen Ihm und mir. Ich habe daraus die Lehre gezogen, daß man niemals mit seinen Feinden Freundschaft schließen darf. Dies war übrigens der einzige Tag in meinem Leben, in dem ich die Schule geschwänzt habe. Fehlzeiten hatte ich sonst nur bei echten Krankheiten.
Für alle Christen, die Weihnachten feiern: Fröhliche Weihnachten!
Und für alle gilt wie Immer
Herzliche Grüße von Bernhard Deutsch

