Experten sind Fachleute auf ihrem Gebiet und können manchmal wahre Wunder vollbringen. Doch Experten haben auch einen Nachteil. Sie sind nur in ihrem Expertenbereich gut. Was passiert, wenn es ein Problem gibt, das nicht auf einen Expertenbereich beschränkt ist? Dann verwenden die Experten Ergebnisse aus anderen Expertenbereichen.
Dabei kann aber etwas schief gehen. Nehmen Sie mal an, es gäbe den Expertenbereich A und den Expertenbereich B. Um ein bestimmtes Problem aus dem Expertenbereich A zu lösen braucht man Erkenntnisse aus dem Expertenbereich B. Diese Erkenntnisse kann ein Experte aus dem Expertenbereich B nur dann gewinnen, wenn er auf Expertenwissen aus Bereich A zugreifen kann. Und so geht das immer hin und her.
Wenn es ein Wechselspiel zwischen 2 Expertenbereichen gibt, bei dem jeder Experte auf die Erkenntnisse aus dem anderen Expertenbereich angewiesen ist, dann gibt es keinen Experten der sich mit diesem Wechselspiel auskennt. Gilt das nur theoretisch oder kann man das in der Praxis nachweisen?
Wirtschafts- und Finanzexperten
Es gibt Wirtschaftsexperten und es gibt Finanzexperten. Beide Expertenbereiche haben ihre eigenen Experten. Es gibt aber etwas, was beide Expertenbereiche miteinander verbindet: Geld. Im Wirtschaftssystem brauchen wir Geld für den Handel. Im Finanzsystem können wir die Geldmenge vermehren. Es gibt ein Wechselspiel zwischen den beiden Systemen. Das vorhandene Geld wird entweder im Wirtschaftssystem zu Zahlungszwecken verwendet oder gespart. Je nachdem, ob es gerade ausgegeben oder gespart wird, gehört es in den einen oder den anderen Expertenbereich.
Es gibt 2 Fragen, mit denen man sich auseinandersetzen muß:
- Wie viel Geld gibt es?
- Wofür wird das Geld verwendet?
Die Gesamtgeldmenge ist genau so groß wie die Gesamtschuldenmenge + Gold. Hier gilt nur das bei den Banken eingelagerte Gold, für deren Bezahlung Geld in Umlauf gebracht wurde. Die durch Gold in Umlauf gebrachte Geldmenge ist im Vergleich zur Gesamtschuldenmenge so klein, daß sie vernachlässigt werden könnte. Wir brauchen es eigentlich gar nicht.
Wirtschaftsgeld
Die Gesamtgeldmenge kann aufgeteilt werden in die wirtschaftlich aktive Geldmenge und die Geldmenge, die sich im Finanzsystem befindet. Die erste Geldmenge bezeichne ich mal als Wirtschaftsgeld. Das andere Geld sollte man eigentlich als Kapital bezeichnen.
Jedes Unternehmen muß jeden Monat so viel erwirtschaften, daß damit alle Löhne und Gehälter inklusive des Unternehmerlohns bezahlt werden können. Deshalb kann es im Wirtschaftssystem nur einen relevanten Geldkreislauf geben. Der Geldkreislauf muß die Länge von 1 Monat haben. Das ist der Blickwinkel aus dem Wirtschaftssystem.
Die Zentralbanken haben einen Staatsauftrag. Sie sollen – unter anderem – immer ausreichend Geld für das Wirtschaftssystem zur Verfügung stellen. Das wollen sie erreichen, indem sie die Geldmenge steuern. Es gab mal eine Zeit in Deutschland, da wurde die Zentralbankgeldmenge gesteuert. Sie wurde so genannt, da sie zum Startzeitpunkt mit der Menge an Zentralbankgeld identisch war. Später sollte die Geldmenge M3 gesteuert werden.
M3 wird nach folgenden Regeln zusammengesetzt:
M1: Bargeld+Sichteinlagen
Sichteinlagen sind jederzeit fällige Guthaben bei den Banken, über die mit Scheck, Lastschrift oder Überweisung verfügt werden kann.
M2: M1+Termingelder mit Befristung bis unter 2 Jahren
Termingelder sind Bankguthaben, für die entweder eine feste Laufzeit (Festgelder) oder eine bestimmte Kündigungsfrist (Kündigungsgelder) vereinbart ist. Termingelder können vergleichsweise schnell mobilisiert (d. h. in Geld umgewandelt) werden.
M3: M2+Spareinlagen mit dreimonatiger Kündigungsfrist
Spareinlagen können wie die Termingelder vergleichsweise schnell mobilisiert werden.
Graphik 1: Geldkreisläufe der Geldmengenaggregate. Die Geldkreisläufe der verschiedenen Geldmengenaggregate werden immer länger. Das wurde häufig mit der Bargeldhaltung der DM im Ausland begründet. Diese Veränderungen sind aber viel zu gering um die Veränderungen des Geldkreislaufs der anderen Geldmengenaggregate erklären zu können.
Irgendwann entschloß sich die deutsche Bundesbank, eine „erweiterte Geldmenge M3“ zu steuern. Die letzten beiden Geldmengen wurden deshalb ausgewählt, weil sie relativ leicht in Geld umgewandelt werden können. In dieser Geldmenge findet man auch Termingelder mit einer Frist bis zu 2 Jahren.
Für die Geldmenge M3 wurde ein Geldkreislauf von 5 bis 7 Monaten berechnet.
Komisch, daß Termingelder mit einer Frist von bis zu 2 Jahren innerhalb von 5 bis 7 Monaten ausgegeben werden. Da stimmt doch was mit dem Geldkreislauf nicht. Die Finanzexperten von den Zentralbanken haben die Geldmenge so definiert, wie die Fähigkeit besteht, Geld auszugeben. Das Wirtschaftssystem braucht die Geldmenge, die tatsächlich ausgegeben wird.
Die Experten der Zentralbanken wissen nicht, welche Geldmenge das Wirtschaftssystem braucht. Deshalb haben sie die falsche Geldmenge definiert. Jetzt können Sie sich sicher vorstellen, was passiert, wenn die Wirtschaftsexperten bei wirtschaftlichen Untersuchungen die Geldmengendefinition der Zentralbanken verwenden.
Die Sparquote
Die Zentralbanken veröffentlichen regelmäßig eine Statistik, in der die Sparquote ermittelt wird. Dazu wird das verfügbare Einkommen aufgeteilt in konsumieren und sparen.
Graphik 2: Quelle: Bundesbankstatistik. 1950 bis 1969 Westdeutschland nach ESVG ’79; 1970 bis 1990 Westdeutschland nach ESVG ’95; ab 1991 Gesamtdeutschland nach ESVG ’95.
Als die Sparquote nach 2000 zunahm, wurde viel darüber berichtet. Sämtliche Experten, die ich in den Medien gehört, oder von denen ich gelesen hatte, waren der Meinung, daß es sich um einen psychologischen Effekt handelt. Sie sprachen von Konsumverweigerung wegen einer unsicheren Zukunft.
Betrachten Sie sich die Sparquote mal etwas genauer. Was ist eigentlich sparen? Man kann vorausschauend oder nachträglich sparen. Das nachträgliche Sparen besteht aus der Zurückzahlung von Krediten. Das ist kein Konsum. Der Konsum eines Kredits sind die Zinsen, aber nicht die Tilgung.
1999 trat ein neues Insolvenzgesetz in Kraft. Es wurde das erste Mal eine Regelung für eine private Insolvenz gesetzlich zugelassen. Wer die private Insolvenz in Anspruch nehmen wollte, mußte sein Einkommen einem Insolvenzverwalter übergeben. Der sollte dafür sorgen, daß so viel Geld wie möglich zur Tilgung der Schulden verwendet wird. Den Leuten blieb nur ein kleiner Rest für den Konsum übrig. Auf diese Weise kann man Zwangssparen durchsetzen. Da es die private Insolvenz vorher nicht gab, gab es einen riesigen Andrang auf die Ämter, bei denen man die private Insolvenz beantragen konnte. Kein Experte hat den Zusammenhang zwischen der Entwicklungsänderung der Sparquote und der Gesetzesänderung erkannt.
In der Sparquote steckt aber noch viel mehr drin. Warum wird die Sparquote nie negativ? Wer sein Geld für ein Auto spart und dann irgendwann ausgibt, müßte mehr ausgeben als er einnimmt. Darf man das nicht zählen? Dann gäbe es fast keinen Menschen, der mit seinem Monatsgehalt ein Auto kaufen kann. Dürfen diese Sachen beim Konsum nicht mehr gezählt werden? Die meisten größeren Anschaffungen dürfen beim Konsum nicht mehr gezählt werden, es sei denn, das Monatsgehalt würde ausreichen, um das Produkt zu kaufen. Und wenn jemand mogelt? Für den Computer bleibt vom Monatsgehalt in diesem Monat nur 100 € übrig. Der Rest wird vom Sparkonto genommen. Kann man so etwas sinnvoll auswerten? Natürlich nicht. Eine Sparquote wäre auf diese Weise unmeßbar.
Will man wissen, wie hoch die Sparquote wirklich ist, dann muß man wissen, wieviel Geld im Geldkreislauf vorhanden ist. Wenn der Geldkreislauf eine Länge von 1 Monat haben muß, dann hat das Jahr 12 Geldkreisläufe. Also ist das Wirtschaftsgeld im Durchschnitt 1/12 des Bruttoinlandprodukts. In den Jahren von 1970 bis 2005 lag das verfügbare Einkommen zwischen 62,6 % und 67,5 %. Es war also ungefähr 2/3 des Bruttoinlandprodukts. Das ist 8 mal so viel wie das Wirtschaftsgeld. Das Wirtschaftsgeld ist also nur 12,5 % des verfügbaren Einkommens. In den Jahren von 1964 bis 1994 lag das Minimum der Sparquote bei 11,3 % und das Maximum bei 16,2 %. Wovon bezahlen die Unternehmen Löhne und Gehälter, wenn fast jedes Jahr die komplette Geldmenge, die dem Wirtschaftssystem zu Zahlungszwecken zur Verfügung steht gespart wird?
Wie sieht die Situation aus dem Blickwinkel des Finanzexperten aus?
Graphik 3: 1990 gab es einen starken Zuwachs von nur 14%. Da fand die wirtschaftliche Wiedervereinigung Deutschlands statt. Allerdings wurde die Gesamtgeldmenge nicht der Veränderung der Bevölkerungsgröße angepaßt, denn dann hätte sich die Gesamtgeldmenge um ca. 30% erhöhen müssen.
Der Kapitalmarkt wird ständig größer. Woher kommt das Geld? Es muß gespart worden sein. Woher hat das Wirtschaftssystem das Geld, das im nächsten Jahr ausgegeben werden kann? Es muß neues, zusätzliches Geld sein, das in der Vergangenheit noch nicht da war.
Das könnte aus dem Anwachsen der Staatsverschuldung entstehen. Der setzt es im Wirtschaftssystem ein und später wird es gespart.
Tabelle: Schulden in Billionen DM von 1970 bis 1990
|
Jahr |
Staat |
Alle |
Alle – Staat |
Relative Staatsverschuldung |
|
1970 |
0,0473227 |
0,654235583 |
0,606912883 |
6,709584574 |
Nach der Wiedervereinigung hat sich die Bevölkerung schlagartig um ca. 30% erhöht. Die Menschen aus den neuen Bundesländern hatten vor der Wiedervereinigung keine Kredite aufgenommen. Deshalb wird der Gleichgewichtszustand durch die Wiedervereinigung extrem gestört. Aus diesem Grund habe ich nur die Werte bis 1990 verwendet.
Wenn man alle Schulden des Landes betrachtet und davon die Staatsverschuldung abzieht, dann hat sich diese Schuldenmenge in den Jahren von 1970 bis 1990 mehr als verfünffacht. Die Staatsverschuldung, die höchstens 1/3 des verfügbaren Einkommens ausmacht, ist viel zu klein um dieses enorme Anwachsen der Gesamtverschuldung zu erklären. Es muß also eine weitere Geldquelle geben.
Durch Inflation werden auch die Preise für die Objekte teurer, für die wir einen Kredit aufnehmen. Deshalb werden jedes Jahr höhere Kredite aufgenommen. Damit man die Kredite erhält muß auch eine Selbstbeteiligung angespart werden. Je höher die Kredite, desto mehr Geld muß für den Kapitalmarkt gespart werden. Also erhöht sich durch Inflation die Kreditmenge und die Geldmenge, die auf dem Kapitalmarkt gespart werden muß, damit man einen Kredit bekommt. Das Gleiche passiert, wenn mehr Leute einen Kredit aufnehmen, weil die Bevölkerung wächst. Also ist in der Sparquote auch Inflation und Bevölkerungswachstum enthalten. Ich kenne keinen Experten, dem das jemals aufgefallen ist.
Fazit
Man kann den Experten nicht immer vertrauen. Wenn Experten versagen, dann helfen die normalen Strategien nicht weiter. Man muß eine Systemanalyse durchführen. In einer solchen Systemanalyse müssen die Grenzen der Expertenbereiche gesprengt werden. Gibt es Widersprüche zwischen den Expertenbereichen, dann müssen diese Widersprüche aufgelöst werden. Immer dann, wenn es um Kompetenzüberschreitungen geht, sollte man die Expertenmeinungen in Frage stellen und Problemorientiert überprüfen.
Was meinen Sie wohl, wie ich diese Fehler entdeckt habe.
Herzliche Grüße von Bernhard Deutsch





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